„Traditionelle Arbeitslieder der Seefahrt“
Vorwort
Moin und herzlich willkommen an Bord!
Wenn Sie dieses Skript in den Händen halten, haben Sie vermutlich eines gemeinsam mit uns: die Faszination für Shantys, Seefahrtsgeschichten und die besondere Kraft des gemeinsamen Singens.
Doch was genau ist eigentlich ein Shanty?
Ist es einfach ein Seemannslied? Gehören Akkordeon, Streifenhemd und Kapitänsmütze automatisch dazu? Oder steckt hinter diesen Liedern mehr als maritime Folklore und maritimes Outfit?
Die Antwort lautet: Ja – viel mehr.
Die ursprünglichen Shantys waren keine Konzertstücke und keine Unterhaltungsmusik. Sie waren Arbeitswerkzeuge. Mit ihnen wurden Segel gesetzt, Anker gelichtet und schwere Lasten bewegt. Sie gaben den Takt vor, wenn Muskelkraft und Wind die einzigen Energiequellen an Bord war.
Wer einen historischen Shanty verstehen will, muss deshalb zunächst die Welt kennenlernen, aus der er stammt: die Welt der großen Segelschiffe, der langen Reisen, der harten Arbeit und der internationalen Mannschaften.
Genau dazu lädt diese Veröffentlichung ein die wir bei Interesse auch gern als Workshop anbieten - Theorie und gemeinsame musikalische Shantymomente inklusive.
Gemeinsam begeben wir uns auf eine Reise:
Dabei geht es nicht nur um Geschichte. Es geht um Gemeinschaft. Es geht um Rhythmus.
Es geht um die Freude, mit anderen Menschen eine Stimme zu finden.
Denn ein Shanty entsteht nicht durch Noten auf Papier.
Ein Shanty entsteht, wenn Menschen gemeinsam singen.
In diesem Sinne:
Leinen los und viel Freude am Shanty-Workshop!
Die Drunken Sailor Shantymen
Was ist überhaupt ein Shanty?
Wer heute das Wort „Shanty“ hört, denkt meist an Männer in gestreiften Hemden, Akkordeonmusik und maritime Unterhaltung. Historisch betrachtet war ein Shanty jedoch etwas völlig anderes.
Ein Shanty war in erster Linie ein Arbeitslied der Segelschifffahrt. Sein Zweck bestand nicht darin, ein Publikum zu unterhalten, sondern die körperliche Arbeit der Mannschaft zu koordinieren. Auf den großen Segelschiffen des 19. Jahrhunderts mussten oft zehn, zwanzig oder mehr Seeleute gleichzeitig an Tauwerk, Winden oder Pumpen arbeiten. Ohne einen gemeinsamen Rhythmus ging dabei viel Kraft verloren.
Der Shanty gab diesen Rhythmus vor.
Ein Mann – der sogenannte Shantyman – sang die Strophen vor. Die Mannschaft antwortete mit einem kurzen Refrain. Genau auf diese Antwort wurde gezogen, gehievt oder gedrückt. Der Gesang war damit ein Arbeitswerkzeug und kein Selbstzweck.
Herkunft des Wortes
Die Herkunft des Begriffs „Shanty“ ist bis heute nicht vollständig geklärt.
Viele Forscher vermuten einen Zusammenhang mit dem französischen Wort *chanter* („singen“). Andere sehen Einflüsse aus der Karibik, aus afroamerikanischen Arbeitsgesängen oder aus den Hafenstädten Nordamerikas.
Sicher ist, dass sich der Begriff in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der englischsprachigen Seefahrt durchsetzte.
Woher kamen die Shantys?
Shantys entstanden nicht an einem bestimmten Ort. Sie entwickelten sich überall dort, wo Seeleute unterschiedlicher Herkunft zusammenarbeiteten. Sie wurden meist nur mündlich weitergegeben.
Einflüsse kamen unter anderem aus:
* Großbritannien
* Irland
* Nordamerika
* der Karibik
* Westafrika
* Australien
Deshalb finden sich in vielen Shantys musikalische und sprachliche Spuren unterschiedlicher Kulturen.
Shantys und Seemannslieder – ein wichtiger Unterschied
Im deutschen Sprachraum werden Shantys oft mit Seemannsliedern gleichgesetzt. Historisch ist das jedoch nicht korrekt.
Ein Shanty wurde während der Arbeit gesungen.
Ein Seemannslied wurde in der Freizeit gesungen.
Typische Themen der Seemannslieder waren:
Typische Themen der traditionellen Shanties waren dagegen oft überraschend nebensächlich. Viele Texte bestanden aus einfachen Reimen, Unsinnsversen oder spontanen Einfällen des Vorsängers. Entscheidend war nicht der Inhalt, sondern der Rhythmus. Stan Hugill berichtet dass nicht alle Texte in der heutigen Zeit „jugendfrei“ und damit „entschärft „wurden.
Der Aufbau eines Shantys
Die meisten Shantys folgen dem Prinzip:
Vorsänger – Mannschaft – Vorsänger – Mannschaft
Beispiel:
Vorsänger:
„Way, haul away, we'll haul away together ...“
Mannschaft:
„Haul away, Joe!“
Die Mannschaft setzte ihre Kraft genau in dem Moment ein, in dem sie dem Vorsänger antwortete.
Warum verschwanden die Shantys?
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden die großen Segelschiffe zunehmend von Dampfschiffen verdrängt.
Viele Arbeiten, die früher mit Muskelkraft verrichtet wurden, übernahmen nun Maschinen.
Damit verschwand auch die praktische Notwendigkeit der Arbeitsgesänge.
Die Shantys starben jedoch nicht aus. Ehemalige Seeleute bewahrten sie in ihrer Erinnerung. Später wurden sie gesammelt und veröffentlicht, unter anderem von Forschern wie William Main Doerflinger und Stan Hugill.
Heute werden Shantys weltweit gesungen – allerdings meist als Konzert- oder Chormusik. Auch auf beliebten maritimen Festivals sind traditionelle Shantygesänge meist nur noch am Rande zu hören. Leider werden solche Events im mehr von lautstarken Shanty-Rock beherrscht.
Das Schiff als Arbeitsplatz
Um Shantys zu verstehen, muss man sich das Leben auf einem Segelschiff des 19. Jahrhunderts vorstellen.
Für die meisten Seeleute war das Schiff kein romantischer Ort, sondern ein Arbeitsplatz. Die Arbeit war schwer, gefährlich und körperlich anstrengend. Mehrere Publikationen aus dem Archiv „Hamburger Hafenkonzert beschreiben den Zustand an Bord der Segelschiffe des 19. Jahrhundert.
Der Alltag an Bord
Die Besatzung arbeitete rund um die Uhr in Wachen.
Ein üblicher Tag bestand aus:
* vier Stunden Wache
* vier Stunden Freiwache
* Tag und Nacht
Bei schlechtem Wetter konnten Ruhezeiten vollständig entfallen.
Schlafen, essen und arbeiten fanden auf engstem Raum statt.
Muskelkraft statt Maschinen
Fast alle Arbeiten wurden mit Muskelkraft ausgeführt.
Dazu gehörten:
* Segel setzen
* Segel bergen
* Anker lichten
* Pumpen bedienen
* Ladung bewegen
* Tauwerk spannen
Viele dieser Tätigkeiten erforderten den gleichzeitigen Einsatz mehrerer Männer.
Hier kamen die Shantys ins Spiel.
Wann wurde gesungen?
Nicht jede Arbeit eignete sich für einen Shanty.
Gesungen wurde vor allem bei Arbeiten mit regelmäßigem Bewegungsablauf.
Beispiele:
Halyard-Arbeit
Beim Hissen eines Segels musste die Mannschaft in kurzen, kräftigen Bewegungen ziehen.
Dafür wurden sogenannte Halyard-Shantys verwendet.
Capstan-Arbeit
Beim Gangspill liefen die Seeleute im Kreis und bewegten eine schwere Winde.
Hier eigneten sich längere, gleichmäßige Shantys.
Pumpenarbeit
Wenn Wasser aus dem Schiff gepumpt werden musste, half ein rhythmischer Gesang dabei, das
Tempo zu halten.
Der Shantyman
Der Shantyman war weit mehr als nur ein Sänger.
Er musste:
* eine kräftige Stimme besitzen,
* den Arbeitsrhythmus kennen,
* die Mannschaft motivieren,
* Texte improvisieren können,
* die Stimmung an Bord einschätzen.
Ein guter Shantyman konnte eine müde Mannschaft wieder in Schwung bringen.
Ein Shantymen ersetzt zehn Männer - so erzählt Stan Hugill in einem Interview beim legendären Shantyfestival in Paimpol, Bretagne.
Disziplin und Gemeinschaft
Die Arbeit auf Segelschiffen verlangte strenge Disziplin.
Gleichzeitig entstand durch die gemeinsame Arbeit ein starkes Gemeinschaftsgefühl.
Der Shanty erfüllte dabei mehrere Funktionen:
* Arbeitserleichterung
* Koordination
* Motivation
* Unterhaltung
* Gemeinschaftsbildung
Merksatz
Ein Shanty ist kein Seemannslied mit Akkordeonbegleitung. Er ist ein Werkzeug der Arbeit auf einem Segelschiff.
Wer diesen Unterschied versteht, hat den ersten Schritt zum Verständnis der traditionellen Shantykultur gemacht.
Der Shantyman als „Dirigent“ der Arbeit
Der Shantyman war nicht einfach ein Sänger.
Er war:
* Taktgeber,
* Motivator,
* Unterhalter,
* Kommentator des Bordlebens.
Er konnte seine Texte verändern und an die Situation anpassen.
Ein guter Shantyman wusste:
* wann ein langsamer Rhythmus nötig war,
* wann kräftige kurze Züge verlangt wurden,
* wann die Mannschaft müde war und Aufmunterung brauchte.
Die Arbeitsformen und ihre Shantys
Die verschiedenen Arbeiten an Bord verlangten unterschiedliche Lieder.
Halyard-Shantys
Bei Halyard-Arbeiten mussten schwere Segel hochgezogen werden.
Die Bewegung bestand aus:
ziehen – halten – ziehen – halten
Der Shanty gab den Moment für den gemeinsamen Kraftaufwand vor.
Beispiele:
* „Haul Away Joe“
* „Blow the Man Down“
* „Boney“
Capstan-Shantys
Beim Ankerlichten wurde eine große senkrechte Winde, der Capstan, benutzt.
Die Männer liefen im Kreis und bewegten gemeinsam die Winde.
Dafür waren längere, gleichmäßige Lieder geeignet.
Beispiele:
* „Rio Grande“
* „Shenandoah“
* „South Australia“
Pump-Shantys
Die Pumpenarbeit gehörte zu den unangenehmsten Aufgaben.
Wenn Wasser ins Schiff eingedrungen war, musste oft über Stunden gepumpt werden.
Ein gleichmäßiger Rhythmus half, die Kraft einzuteilen.
Die Texte der Shantys
Die Texte waren nicht festgelegt.
Ein Shantyman konnte Strophen verändern oder neu erfinden.
Viele Texte enthielten:
* Humor,
* Spott,
* Kommentare über Offiziere,
* Geschichten über Häfen und Frauen,
* aktuelle Ereignisse.
Der Refrain blieb meist gleich, damit die Mannschaft wusste, wann sie einsetzen musste.
Das erklärt, warum von vielen Shantys zahlreiche unterschiedliche Versionen existieren.
Beispiel: „Blow the Man Down“
Dieser Shanty gehört zu den bekanntesten Liedern der Segelschifffahrt.
Historisch wurde er als Arbeitslied verwendet. Der Inhalt ist typisch für viele Shantys:
Eine einfache Geschichte wird mit einem kräftigen Arbeitsrhythmus verbunden.
Wichtig ist nicht die erzählte Handlung, sondern die Funktion:
Der Refrain gibt der Mannschaft den gemeinsamen Zug.
Wir brechen an dieser Stelle ab. Die komplette Ausführung des Referats wird fortgeführt. Genau sowenig endet auch der Workshop an dieser Stelle. ……………………………………..
Bei Interesse am Workshop gern melden!
Um es noch mal klar zu stellen - bei der Vielzahl an Konzerten Aufführungen, Geburtstagsständchen usw. singen wir auch die mit Instrumenten begleiteten Seemannslieder. Aber den Erhalt der traditionellen Shantygesänge liegt uns genauso am Herzen.
Die Seele des Shantys liegt nicht im Konzertsaal.
Sie liegt auf dem Deck eines Segelschiffes.
Merksatz
Der historische Shanty war kein Konzertstück, das Seeleute gesungen haben.
Er war Arbeit, die durch Gesang möglich wurde.